Schreibgruppe Ausseerland

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Der folgende Text von Frau Gerhild Krutak entstand im Rahmen der Schreibgruppe Ausseerland, die von Aloisia M. Schartner ins Leben gerufen wurde. Sie lädt Einheimische und Gäste herzlich ein, Texte und Gedichte darüber zu schreiben, warum ihnen das Ausseerland am Herzen liegt.

WARUM MIR DAS AUSSEERLAND AM HERZEN LIEGT

….fragte mich Frau Monika Gaiswinkler nach einer Veranstaltung im Kammerhof. Ich hatte ihr erzählt dass ich gern schreibe – und schon vernetzt sie mich mit der Initiatorin einer Schreibgruppe in Altaussee.  Anlass, mich selbst mit dieser Frage auseinanderzusetzen!

Ich stamme aus einer steirischen Familie, aber die Bekanntschaft mit dem Ausseerland haben wir uns nicht wirklich ausgesucht – sie ist uns zugewachsen:

Als mein Vater, Diplom-Ingenieur Arnulf Schreiner,  als Angestellter der Grazer Wechselseitigen Versicherung (heute GRAWE) in den frühen 1950er- Jahren mit der Schadens- und Ursachenerhebung nach Bränden im Ausseerland betraut wurde, lernte er den bis zu den Hüften im reißenden Fluss stehenden Fischer Albert Grill kennen.  Er betrieb allein die Befischung  aller drei Traunflüsse.  Dazu gehörte auch die Fischzucht und die Belieferung der Gasthöfe mit frischen Forellen. In der Sommersaison konnte er diesen Bedarf allein nicht decken und hatte einige befreundete Fischer zur Hand, die ihm gerne halfen.

Mein Vater war Hobbyfischer und hatte unsere Familie im Raabtal in den Nachkriegsjahren mit allerlei Fischen aus dem Fluss versorgt. Die beiden Petrijünger freundeten sich schnell an und fischten von nun an bei jeder sich bietenden Gelegenheit miteinander. Das führte zu unseren jährlichen, mehrwöchigen Urlauben im Ausseerland.  Das Buch meines Vaters „Petri Heil – Ein Handbuch des Angelsports“*) entstand in dieser Zeit und enthält Fotos und Erfahrungsberichte aus der gemeinsamen Fischertätigkeit.

Wir wohnten stets für einige Ferienwochen in Bad Aussee bei Familie Hofer oberhalb des Kurparks.  Die drei Kinder – Bruni, Gerlinde (später verehelichte Haid) und Reinhard waren wunderbare Spielkameraden für uns.

Die Familie Hofer hatte ihre eigene Hausmusik.  Jedes Familienmitglied spielte ein anderes Instrument, und es war mir unerklärlich wie es möglich war, so schön gemeinsam zu musizieren.

Für unsere Mutter war der Urlaub nur halb so romantisch.  Das Auto benützte mein Vater hauptsächlich um mit Bertl Grill rasch zu den Traunflüssen zu gelangen. Auch mein Bruder durfte öfters mitkommen und fischen.  Einkaufen und Haushalt waren natürlich Frauensache!  Meine Mutter, meine Schwester und ich schleppten daher so manches die steile Treppe von der Traun hinauf, was die Familie während des Urlaubs benötigte.

Aber natürlich gab es auch Ausflüge und Badetage. Meine „Königsdisziplin“ war es stets, den Grundlsee vom Murboden bis nach Wienern zu durchschwimmen, in Begleitung meines Bruders auf der Luftmatratze. Zurück tauschten wir die Rollen – er schwamm und ich begleitete ihn.

Später kamen wir auch im Winter zum Skifahren auf der „Zloam“, am Loser und auf der Tauplitz. Wir freuten uns an den Faschingsumzügen und besuchten den Steirerball. Besonders in Erinnerung blieb mir der legendäre Umzug durch Bad Aussee zu Ehren des großen Gönners des Ausseerlandes, Erzherzog Johann. Wir waren begeistert von den alten Trachten und der schönen „Musi“ am Beginn des Zuges!

*)Fritz-Loewe-Verlag Leoben, 1952

Mein Vater hat sich auch weiterhin bei versicherungsrelevanten Themen  für das Ausseerland eingesetzt. Brandverhütung und die Absicherung von Wildbächen im verbauten Gebiet waren ihm große Anliegen. Zur besseren Schadensabdeckung für die lokale Brandschadenversicherung organisierte er die Rückversicherung bei der Grazer Wechselseitigen Versicherung. ( An jedem Aufzug lesen Sie die Warnung „Aufzug im Brandfall nicht benützen“, die auf seine Initiative hin Pflicht wurde.)

Nach seiner Pensionierung entstand das Haus im Ortsteil Anger von Bad Aussee, in dem meine Eltern dann Jahr für Jahr die wärmere Jahreszeit über wohnten. Unsere beiden Söhne verbrachten hier einen Großteil ihrer Sommerferien. Ihr größtes Abenteuer war die jährliche Ersteigung des Radling in der „Direttissima“ vom Anger aus. Gut, dass wir das meistens erst nachträglich erfuhren!

Nach dem Tod der Eltern und fiel das Haus 1992 an mich.  Fünf Jahre lang war es mir nur eine zusätzliche Belastung neben meinem Beruf in Wien und der Familie mit Haus und Garten im Wienerwald.

Der erste Tag in Pension war der Beginn eines endlich selbstbestimmten Lebens.  Das Ausseer Haus wurde mir immer mehr zum Mittelpunkt. Steirisch Tanzen, Musizieren auf der „Rumpel“ und die wöchentlichen Wanderungen mit dem Alpenverein unter Waltraud Hufnagl und -nach ihrem Tod - mit Ernst Traninger wurden neue Fixpunkte in meinem Leben. Das spannendste Abenteuer aber war für mich die Renovierung des Hauses 1999 nach meinen eigenen Ideen. Und es ist gut geworden! Leider konnten es meine beiden  Geschwister nicht mehr erleben, sie hätten ihre Freude daran gehabt.

Dann kamen schon beide Söhne mit ihren wachsenden Familien, um hier Winter- und Sommerurlaube zu verbringen. Das Haus, klein in seinen Dimensionen aber praktisch und gemütlich,  wurde zum gemeinsamen Familienhaus.

Ein schwerer Autounfall 2002 bei Tauplitz hat mich für einige Monate an Krücken gebunden.  Tüchtige Rettungskräfte und die gute Betreuung im alten Ausseer Krankenhaus haben mich wieder auf die Beine gestellt; aber es war ein langer und beschwerlicher Weg zurück. Wenn man viel in den Bergen ist weiß man aber, dass auch jeder beschwerliche Weg einmal zu Ende ist!

Mit Sorge betrachte ich die aktuelle Entwicklung im Ausseerland.  Die Situation zu Ende des neunzehnten Jahrhunderts vollzieht sich nun von neuem. Wie damals leistet man sich ein überdimensioniertes Haus im Salzkammergut als Krönung einer erfolgreichen beruflichen Tätigkeit. Große Grundstücke werden der Landwirtschaft abgetrotzt für Villen, die oft nur einige Wochen im Jahr bewohnt werden: Zu Weihnachten, im Fasching, vielleicht für ein oder zwei Wochen im Sommer – das war’s dann schon. Die Grundstückspreise steigen mit der Zahlungsfähigkeit der Käufer rasant an.  Junge Ausseer Familien können sich diese Preise nicht leisten und verlassen ihre teure Heimat.

Was den Baustil betrifft, so ersticken die Fassaden hinter Veranden, Balkonen und Zierelementen; die ursprüngliche Schlichtheit und Funktionalität, aufgefrischt durch bunten Blumenschmuck, findet man nur mehr an alten Häusern.

Kommt man dann endlich an seinem Luxusobjekt an, erwartet man von der hiesigen Bevölkerung, sofort zur Verfügung zu stehen. Betriebe, die im Winter Mitarbeiter mangels Aufträgen entlassen mussten, sollen nun binnen Tagen neue Aufträge erfüllen. Friktionen bleiben da nicht aus!

Natürlich bringt diese Entwicklung Geld ins Land und hebt den Wohlstand, zerstört aber auch prächtige Landschaft und alpenländische Identität -  Beweggründe, weshalb man sich hier doch eigentlich niederlassen wollte…die Katze beißt sich in den eigenen Schwanz!

                                                                                                             

                                                                                                              Dkfm. Gerhild Krutak,

                                                                                                              Bad Aussee/Kaltenleutgeben

Foto: © Aloisia Schartner